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Menocil
Wer heute nach einem Appetitzügler sucht, stößt früher oder später auf denselben Satz. Fast jedes dieser Präparate wurde irgendwann wegen Lungenhochdruck vom Markt genommen. Der Ursprung dieser Sorge trägt einen Namen, und der lautet Menocil.
Ende der Sechzigerjahre erkrankten in Deutschland, Österreich und der Schweiz plötzlich Hunderte Menschen an einer bis dahin sehr seltenen Erkrankung. Die Ärzte standen zunächst vor einem Rätsel, denn die Fälle traten fast ausschließlich in diesen drei Ländern auf.
Was damals passierte, prägt die Arzneimittelprüfung bis heute. Ohne diesen Fall würde bei jedem neuen Abnehmmittel niemand so gründlich auf Herz und Lunge schauen, und die Rücknahmen der letzten Jahrzehnte hätte es in dieser Form nicht gegeben.
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Aktualisiert: 15. August 2026
Selbstständiger Autor und Sportler. Hat sich von Fett (120 kg) zu Fit (80 kg) gewandelt.
Alles in Kürze
- Menocil enthielt Aminorex und kam 1965 in der Schweiz sowie 1966 in Deutschland und Österreich als Appetitzügler auf den Markt.
- Ab 1967 stieg die Zahl der Fälle von primärer pulmonaler Hypertonie in diesen drei Ländern sprunghaft an, in Ländern ohne Aminorex blieb sie unverändert.
- Rund tausend Menschen erkrankten, etwa die Hälfte der Betroffenen starb innerhalb von zehn Jahren nach der Diagnose.
- Der Fall gilt als Ursprung aller späteren Sicherheitsverfahren gegen Appetitzügler und wirkt bis in die Rücknahmen der Gegenwart nach.
Häufige Fragen zu Menocil
Was war Menocil genau?
Warum wurde Menocil vom Markt genommen?
Wie viele Menschen waren betroffen?
Gab es Menocil auch in den USA?
Ist Aminorex heute noch erhältlich?
Was hat der Fall mit heutigen Abnehmmitteln zu tun?
Menocil Wirkstoff Aminorex
Aminorex gehört zu den amphetaminähnlichen Anorektika und ist strukturell eng mit 4-Methylaminorex verwandt, einer später als Rauschmittel bekannt gewordenen Substanz. Der Stoff setzt körpereigene Katecholamine frei und hemmt zusätzlich die Wiederaufnahme von Serotonin.
Markteinführung ab 1965
Den Anfang machte die Schweiz im November 1965, Deutschland und Österreich folgten 1966. Vermarktet wurde Menocil als moderne Lösung für ein Problem, das man bis dahin nur mit Diäten angehen konnte.
Die Zulassung stützte sich auf unveröffentlichte Daten aus den Vereinigten Staaten, obwohl das Präparat dort selbst nie in den Handel kam. Und das alles geschah nur wenige Jahre nach dem Contergan-Skandal, also in einer Zeit, in der die Arzneimittelprüfung noch nicht annähernd dem heutigen Standard entsprach.
Aminorex Wirkung im Körper
Der appetitdämpfende Effekt entstand über die Steuerzentren im Zwischenhirn, ähnlich wie bei allen späteren Substanzen dieser Familie. Nebenbei stieg die Wachheit, und der Kreislauf lief auf erhöhter Drehzahl.
Der eigentliche Schaden entstand jedoch an einer ganz anderen Stelle. In den Lungenarterien kam es zu einem umbauenden Prozess mit typischen plexiformen Gefäßveränderungen, der sich nicht zurückbildete und das rechte Herz dauerhaft überlastete.
Lungenhochdruck-Epidemie der Sechziger
Was zwischen 1967 und den frühen Siebzigern geschah, gilt bis heute als eines der klarsten Beispiele für einen arzneimittelbedingten Schaden im großen Maßstab.
Erste Auffälligkeiten in Kliniken
1967 registrierte eine Schweizer Klinik einen plötzlichen, zwanzigfachen Anstieg der Fälle von primärer pulmonaler Hypertonie. Bei auffällig vielen dieser Patientinnen und Patienten fand sich in der Vorgeschichte die Einnahme von Aminorex zur Gewichtsreduktion.
Bald meldeten weitere Kliniken in der Schweiz dasselbe Bild, später auch Häuser in Österreich und Deutschland. Der entscheidende Hinweis lag in der Geografie, denn aus Ländern ohne Aminorex wurde kein vergleichbarer Anstieg berichtet.
Zahlen und Sterblichkeit
Insgesamt erkrankten nach Angaben der Fachliteratur rund tausend Menschen. Bei den meisten setzten die Beschwerden innerhalb der ersten sechs Monate nach Einnahmebeginn ein.
Die Prognose war düster. Die durchschnittliche Überlebenszeit lag bei etwa dreieinhalb Jahren, und nahezu die Hälfte der Betroffenen starb innerhalb von zehn Jahren nach der Diagnose, in der Regel an einem Versagen der rechten Herzkammer.
Rücknahme und Beweislage
In der Schweiz war Menocil bis Oktober 1968 erhältlich, danach verschwand es dort aus den Apotheken. In Deutschland und Österreich zog sich das Ende länger hin, weshalb die internationale Fachliteratur die endgültige Marktrücknahme mit 1972 angibt.
Interessant ist ein Detail, das die damalige Debatte prägte. Tierversuche mit hohen Dosen über viele Wochen konnten den Schaden nicht reproduzieren, weshalb ein formaler Kausalitätsbeweis lange ausblieb. Der statistische Zusammenhang war dagegen erdrückend, und nach der Rücknahme sank die Erkrankungshäufigkeit wieder auf das alte Niveau.
Menocil Folgen für Arzneimittelprüfungen
Der Fall veränderte die Spielregeln grundlegend, und zwar in zwei Richtungen gleichzeitig.
Contergan und Menocil
Beide Katastrophen fielen fast in dasselbe Jahrzehnt und trafen dieselbe Behördenlandschaft. In ihrer Folge entstand in Deutschland ein völlig neues Arzneimittelrecht mit echter Zulassungspflicht, in der Hersteller Wirksamkeit und Unbedenklichkeit vorab belegen müssen.
Für Abnehmmittel kam eine zweite, spezifischere Lehre hinzu. Seither gilt die Lunge bei jeder appetitzügelnden Substanz als kritisches Zielorgan, unabhängig davon, ob ein Zusammenhang bereits bewiesen ist.
Aminorex im Betäubungsmittelgesetz
Heute ist Aminorex in Deutschland als verkehrsfähiges, aber nicht verschreibungsfähiges Betäubungsmittel eingestuft. Ein Arzt darf die Substanz also unter keinen Umständen verordnen.
In den Vereinigten Staaten steht sie sogar in Schedule I, also in derselben Kategorie wie Substanzen ohne anerkannten medizinischen Nutzen. Ein Kauf ist damit weder legal noch überhaupt möglich, denn ein Handelsprodukt existiert seit über fünfzig Jahren nicht mehr.
Appetitzügler nach Menocil
Die Geschichte wiederholte sich danach noch mehrfach, und jedes Mal nach demselben Muster. Ein neues Präparat kam auf den Markt, wurde jahrelang breit verordnet und verschwand, sobald die Datenlage kippte.
Fenfluramin und Sibutramin
Fenfluramin und Dexfenfluramin, hierzulande als Ponderax und Isomeride bekannt, mussten 1997 gehen. Ausschlaggebend waren Herzklappenveränderungen, die vor allem in der amerikanischen Kombination mit Phentermin auffielen.
Sibutramin folgte 2010 nach einer großen Sicherheitsstudie mit knapp zehntausend Teilnehmern. Die Details dazu stehen unter Wo gibt es Reductil, den Sonderfall des Cannabinoid-Blockers behandelt die Seite zu Acomplia.
Amfepramon und Cathin
Die amphetaminverwandten Klassiker hielten sich am längsten. Regenon und Tenuate Retard mit Amfepramon verschwanden erst 2023 endgültig aus der EU.
Cathin dagegen ist bis heute verkehrsfähig und in verschreibungspflichtigen Tropfen wie Alvalin und X112 enthalten. Das Präparat Mirapront N mit demselben Wirkstoff kehrte nach seinem Widerruf allerdings nie zurück.
Abnehmspritzen mit GLP-1
Der eigentliche Bruch kam erst mit einer völlig anderen Substanzklasse. Semaglutid und Tirzepatid ahmen körpereigene Darmhormone nach und wirken über Sättigung statt über Kreislaufstimulation.
Damit entfällt genau der Mechanismus, der die alten Präparate gefährlich machte. Eine Übersicht bieten die Abnehmspritzen im Vergleich und die Gegenüberstellung von Wegovy und Mounjaro.
Wegovy Tabletten ohne Spritze
Seit Kurzem gibt es diesen Ansatz auch in Tablettenform. Die EU-Kommission hat die Wegovy Tablette mit 25 mg Semaglutid am 15. Juli 2026 zugelassen, der deutsche Marktstart ist für September angesetzt.
In der Studie OASIS 4 verloren Teilnehmer bei durchgehender Einnahme im Mittel rund 17 Prozent Körpergewicht. Mehr dazu unter Wegovy Spritze oder Tabletten und unter Wegovy Tabletten ohne Rezept.
Modafinil bei Tagesschläfrigkeit
Ein Teil der damaligen Beliebtheit dieser Substanzen ging auf ihren aufputschenden Nebeneffekt zurück. Wer tagsüber dauerhaft gegen Müdigkeit ankämpft, hat allerdings ein eigenständiges Problem, das nichts mit dem Gewicht zu tun haben muss.
Modafinil ist zur Behandlung der Narkolepsie zugelassen und wird bei ausgeprägter Tagesschläfrigkeit verordnet. Es hebt die Wachheit an und fördert die Konzentration über mehrere Stunden, ohne die Kreislaufbelastung der alten Anorektika. Eine Zulassung zur Gewichtsreduktion besitzt der Wirkstoff nicht, ein gedämpfter Appetit gilt dort als Nebenwirkung.
Zeitleiste der Marktrücknahmen
| Präparat | Wirkstoff | Ende am Markt | Grund |
|---|---|---|---|
| Menocil | Aminorex | 1968 bis 1972 | Pulmonale Hypertonie |
| Ponderax, Isomeride | Fenfluramin, Dexfenfluramin | 1997 | Herzklappenveränderungen |
| Mirapront N, Rondimen | Cathin, Mefenorex | 2001 | Lungenhochdruck, Herzklappen |
| Acomplia | Rimonabant | 2008 bis 2009 | Psychiatrische Störungen |
| Reductil | Sibutramin | 2010 | Herzinfarkt und Schlaganfall |
| Regenon, Tenuate Retard | Amfepramon | 2023 | Lungenhochdruck, Abhängigkeit |
Die rechte Spalte macht den roten Faden sichtbar. Fünf von sechs Fällen drehen sich um Herz oder Lunge, und in drei davon geht es um genau jene Erkrankung, die mit Menocil ihren Anfang nahm. Eine Einordnung der heute verfügbaren Wirkstoffe bietet die Seite zu den wirksamsten Abnehmmedikamenten.
Zusammenfassung
Menocil war der erste Fall, in dem ein Abnehmmittel nachweislich eine Epidemie auslöste. Zwischen 1967 und den frühen Siebzigern stieg die Zahl der Erkrankungen an primärer pulmonaler Hypertonie in Deutschland, Österreich und der Schweiz um das Zehn- bis Zwanzigfache, während sie in Ländern ohne Aminorex unverändert blieb. Rund tausend Menschen erkrankten, etwa die Hälfte starb innerhalb von zehn Jahren.
Bemerkenswert bleibt, dass ein formaler Beweis im Tierversuch nie gelang. Der statistische Zusammenhang und der Rückgang der Fallzahlen nach der Rücknahme genügten trotzdem, und diese Bereitschaft, bei einem starken Signal ohne vollständigen Kausalitätsbeweis zu handeln, prägt die Arzneimittelaufsicht bis heute.
Für alle, die aktuell nach einem Abnehmmittel suchen, steckt darin die eigentliche Botschaft. Die alten Appetitzügler sind nicht aus Zufall verschwunden, sondern weil sie über Jahrzehnte hinweg dasselbe Muster gezeigt haben. Die heutigen GLP-1-Präparate greifen an einer völlig anderen Stelle an, erreichen deutlich mehr und stehen erstmals auch als Tablette zur Verfügung.
- Aminorex and the pulmonary circulation – Thorax, National Library of Medicine https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Aminorex – DocCheck Flexikon https://flexikon.doccheck.com
- Pharmakotherapie des Übergewichts, ein Blick zurück mit Schrecken – arznei-telegramm https://www.arznei-telegramm.de
- Aminorex, Overview – ScienceDirect Topics https://www.sciencedirect.com
- Aminorex, MeSH Descriptor Data – National Library of Medicine https://meshb.nlm.nih.gov
- Keine Wunderwaffen gegen Fettsucht – Pharmazeutische Zeitung https://www.pharmazeutische-zeitung.de
- Arzneimittelsicherheit, Appetithemmer verboten – Stiftung Warentest https://www.test.de
- Amfepramon, Überprüfung der Sicherheit – Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte https://www.bfarm.de
- Sibutraminhaltige Arzneimittel, Ruhen der Zulassung – Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte https://www.bfarm.de
- Acomplia (Rimonabant) – Europäische Arzneimittel-Agentur https://www.ema.europa.eu
- Semaglutid-Tablette soll im dritten Quartal auf den Markt kommen – Deutsches Ärzteblatt https://www.aerzteblatt.de
- EU erteilt Zulassung für orales Semaglutid – Diabetologie Online https://www.diabetologie-online.de
Ich habe über 20 Jahre Erfahrung als Autor und Schriftsteller und betreibe in meiner Freizeit leidenschaftlich gerne Sport. Nach über 10 Jahren Übergewicht schaffte ich es, von 120 kg auf 80 kg abzunehmen und das Gewicht zu halten. Als Autor des Buches „Schweinehundtrainer“ habe ich meine persönliche Transformation ausführlich beschrieben und gebe dir nachhaltige Tipps, wie du deinen inneren Schweinehund dauerhaft besiegen kannst. Mach aus Motivation Routine, damit kein Jo-Jo-Effekt entsteht! Sport kann auch zu deiner festen Routine und Leidenschaft werden! 📝
