alli: Der Fettblocker, den keiner wollte
2009 kam alli als erstes rezeptfreies Abnehm-Arzneimittel mit EU-Zulassung in die Apotheken. Sechs Jahre später war es in Deutschland wieder verschwunden. Das Mittel wirkte, nur eben wenig und mit peinlichen Nebenwirkungen. Hier die ganze Geschichte und was heute besser funktioniert.
Aktualisiert: November 2026 · Jörg Keller · Lesezeit 10 Min.
- alli enthielt Orlistat 60 mg, die halbe Stärke des verschreibungspflichtigen Xenical
- Der Wirkstoff blockiert Verdauungsenzyme, rund ein Viertel des Nahrungsfetts wird ungenutzt ausgeschieden
- In Studien verloren Anwender nach einem Jahr 4,8 statt 2,3 Kilo, also gut 2 Kilo mehr als mit Placebo
- 2015 stellte GSK den Vertrieb in Deutschland ein, Orlistat 60 mg gibt es aber weiter als Generikum in der Apotheke
- Heute dämpfen GLP-1-Medikamente auf Rezept den Hunger und wirken deutlich stärker

- Abnehmwirkung
- Sicherheit
- Studienlage
- Heute erhältlich
Damals versprochen …bis zu 50 Prozent mehr Gewichtsverlust als mit Diät allein, rezeptfrei, klinisch geprüft und mit Begleitprogramm aus Rezepten und Tagebuch.
Was wirklich passierte …Die 50 Prozent bedeuteten in der Praxis rund zwei Kilo im Jahr, dazu Fettflecken und Blähungen. Die Kunden blieben weg, GSK zog die Marke in Deutschland zurück.
| Wirkstoff | Orlistat 60 mg |
|---|---|
| Handelsname | alli (früher Orlistat GSK) |
| Wirkprinzip | Fettblocker, hemmt die fettspaltenden Enzyme im Darm |
| In Deutschland | 2009–2015 |
| Status heute | EU-Zulassung besteht weiter (Inhaber Haleon), Marke in DE nicht im Handel, 60-mg-Generika apothekenpflichtig |
| Grund | Geringe Verkaufszahlen, Konzern stellte Vertrieb ein |
Was war alli und wie wirkte es?
alli war der Versuch von GlaxoSmithKline, einen echten Arzneistoff zum Abnehmen ohne Rezept in die Apotheke zu bringen. Im Januar 2009 gab die EU-Kommission grünes Licht für den rezeptfreien Verkauf in allen damals 27 EU-Staaten. GSK feierte das als ersten Fall, in dem die Kommission ein rezeptfreies Abnehmprodukt zugelassen hatte. Am 15. April 2009 stand alli dann in deutschen Apotheken.
Anders als viele Produkte aus meiner Übersicht der alten Abnehmmittel und Hypes war alli kein Fantasieprodukt. Es enthielt Orlistat, denselben Wirkstoff wie das verschreibungspflichtige Xenical, nur in halber Stärke.
Der empfohlene Preis lag zum Start bei 59,90 Euro für 84 Kapseln. Die Werbung versprach, dass alli zusammen mit einer kalorien- und fettarmen Diät helfen kann, bis zu 50 Prozent mehr abzunehmen als mit der Diät allein. Das Rechenbeispiel des Herstellers klang allerdings schon damals bescheiden. Wer mit Diät zwei Kilo verliert, verliert mit alli eins mehr.
Orlistat ist ein sogenannter Lipasehemmer. Lipasen sind die Enzyme, die im Darm Fett aus der Nahrung aufspalten, damit der Körper es aufnehmen kann. Orlistat legt diese Enzyme lahm. Laut EMA wird dadurch etwa ein Viertel des Fetts aus einer Mahlzeit nicht verdaut und mit dem Stuhl ausgeschieden.
Das ist ein echter Mechanismus, kein Marketing. Der Haken liegt in der Mathematik. Orlistat erwischt nur Fett, keinen Zucker, keine Stärke und keinen Alkohol. Isst du fettarm, gibt es wenig zu blockieren. Isst du fettreich, bestraft dich dein Darm. Man kann das als eingebauten Erziehungseffekt sehen.
Jetzt mal ehrlich: Ein Fettblocker funktioniert vor allem als Abschreckung. Wer einmal nach einer Currywurst Fettflecken in der Unterhose hatte, isst beim nächsten Mal fettarm. Abnehmen tust du trotzdem durch das Defizit, nicht durch die Kapsel. Wie du deinen Bedarf ausrechnest, steht unter Kalorienverbrauch ermitteln.
Die Geschichte: Start mit Pauken und leiser Abgang
Anders als Reductil oder Acomplia musste alli nicht wegen Gesundheitsrisiken gehen. Zu wenige wollten es kaufen.
- 2007
Die EU erteilt die zentrale Zulassung für Orlistat 60 mg von GSK, das Präparat heißt zunächst Orlistat GSK. - Januar 2009
Die EU-Kommission erlaubt den rezeptfreien Verkauf. Laut GSK ist es das erste Mal, dass sie ein rezeptfreies Abnehmprodukt genehmigt. - 15. April 2009
alli kommt in deutsche Apotheken, für 59,90 Euro je 84 Kapseln, mit großem Begleitprogramm. - Mai 2010
Die US-Arzneimittelbehörde FDA meldet 13 Fälle schwerer Leberschäden unter Orlistat weltweit, einer davon in den USA unter alli. Ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht belegt, die Packungsbeilagen werden trotzdem ergänzt. - Februar 2015
GSK bestätigt, dass der Vertrieb in Deutschland eingestellt wird. Die Absätze waren gering, ein Käufer für die Marke fand sich nicht. - 2019
Stiftung Warentest stuft rezeptfreies Orlistat 60 mg als „wenig geeignet“ ein, wegen schlechterer Studienlage als bei 120 mg. - Heute
Die EU-Zulassung für alli besteht laut EMA weiter, Inhaber ist inzwischen Haleon. In Deutschland gibt es Orlistat 60 mg als apothekenpflichtige Generika.
Das Ende kam also nicht durch eine Behörde, sondern durch die Kasse. Laut Verbraucherzentrale nehmen nach einem Jahr nur noch sechs Prozent der Anwender Orlistat überhaupt noch ein, vor allem wegen der Nebenwirkungen. Für ein Produkt, das von Wiederholungskäufen lebt, ist das tödlich.
Was Studien zeigen
Im Gegensatz zu den meisten Hype-Produkten hat Orlistat eine solide Studienbasis. Die EMA fasst die Zulassungsdaten für die 60-mg-Kapsel so zusammen.
Die „50 Prozent mehr“ stimmen also, rechnerisch sind es sogar mehr. In absoluten Zahlen sind es aber gut zwei Kilo in einem Jahr. Bei Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 28 fand eine eigene Studie laut EMA überhaupt keinen Gewichtsverlust, der für die Patienten relevant gewesen wäre. Deshalb gilt die Zulassung erst ab BMI 28.
| Quelle | Umfang | Ergebnis |
|---|---|---|
| EMA, Zulassungsdaten alli 60 mg | BMI ab 28, ein Jahr | 4,8 kg gegenüber 2,3 kg mit Placebo |
| EMA, Studie bei BMI 25 bis 28 | Leichtes Übergewicht | Kein relevanter Gewichtsverlust |
| XENDOS, Diabetes Care 2004 (120 mg) | 3.305 Teilnehmer, vier Jahre | 5,8 kg gegenüber 3,0 kg, Diabetesrisiko 37 Prozent niedriger |
Die große XENDOS-Studie mit der doppelten Dosis zeigt, wozu Orlistat im besten Fall fähig ist. Über vier Jahre lag die Orlistat-Gruppe knapp drei Kilo vor Placebo, und es erkrankten weniger Menschen an Typ-2-Diabetes, vor allem jene mit schon gestörtem Zuckerstoffwechsel. Gleichzeitig hielt nur gut die Hälfte der Orlistat-Gruppe die vier Jahre durch. Mehr zu den Daten steht in meinem Artikel über Orlistat.
alli und Xenical im Vergleich
alli war im Kern ein halbiertes Xenical. Gleicher Wirkstoff, gleiche Wirkweise, gleiche Nebenwirkungen, nur schwächer. Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick.
alli 60 mg
- RezeptNein, apothekenpflichtig
- Ab BMI28
- WarentestWenig geeignet
Xenical 120 mg
- RezeptJa, ärztliche Prüfung
- Ab BMI30, mit Risiken ab 28
- WarentestMit Einschränkung geeignet
Laut Verbraucherzentrale kostet Orlistat 60 mg rund 25 bis 30 Euro im Monat, die 120-mg-Präparate liegen bei 70 bis 120 Euro und werden meist nicht von der Kasse bezahlt. Für alli begrenzt die EU-Zulassung die Anwendung auf höchstens sechs Monate, und wer nach zwölf Wochen nichts verloren hat, soll Arzt oder Apotheke fragen. Wie Xenical genau wirkt, erkläre ich unter Xenical zum Abnehmen.
Nebenwirkungen und Risiken
Die Nebenwirkungen von Orlistat sind kein Geheimnis, sie stehen in jeder Packungsbeilage. Laut EMA betreffen sie vor allem die Verdauung, sind meist mild und treten vor allem zu Beginn auf. Die häufigsten davon treffen mehr als jeden Zehnten.
Was für alli sprach
- Echter WirkstoffGut untersucht, Wirkung belegt, keine Fantasieversprechen.
- Wirkt nur im DarmKein Eingriff ins Gehirn, kein Herzrasen, keine Abhängigkeit wie bei alten Appetitzüglern.
Was gegen alli sprach
- Fettflecken und BlähungenÖliger Ausfluss, Blähungen mit Stuhlabgang, Fettstuhl und plötzlicher Stuhldrang gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen.
- Pille kann versagenDie Wirkung der Antibabypille kann beeinträchtigt werden, zusätzliche Verhütung wird empfohlen.
- Vitamine gehen verlorenFettlösliche Vitamine und essenzielle Fettsäuren werden schlechter aufgenommen.
- Wenig EffektGut zwei Kilo mehr pro Jahr als mit Diät allein.
Nicht für dich, wenn … du Ciclosporin oder Blutverdünner wie Warfarin nimmst, an chronischer Malabsorption oder Cholestase leidest, schwanger bist oder stillst. Das sind laut EMA klare Gegenanzeigen. Bei Diabetes, Epilepsie, Bluthochdruck, erhöhten Blutfetten und eingeschränkter Nierenfunktion gehört die Entscheidung in ärztliche Hände.
Zur Leber gab es 2010 Aufregung. Die FDA zählte weltweit 13 Fälle schwerer Leberschäden unter Orlistat, betonte aber, dass ein ursächlicher Zusammenhang nicht belegt sei. Als Warnzeichen nannte die Behörde Juckreiz, gelbe Augen oder Haut, dunklen Urin, Appetitverlust und hellen Stuhl. Dann sofort zum Arzt.
Finger weg vom Graumarkt: Wer Orlistat 120 mg oder angebliches alli ohne Rezept aus dubiosen Online-Shops bestellt, weiß nie, was in der Kapsel steckt. Gefälschte Abnehmmittel sind ein Dauerproblem, mehr dazu unter Abnehmspritze Fälschungen. Orlistat 120 mg gibt es legal nur auf Rezept.
Was heute statt alli hilft
alli blockiert Fett nach dem Essen. Das Problem der meisten Menschen mit Übergewicht ist aber nicht die Verdauung, sondern der Hunger davor. Genau da setzen moderne Medikamente an. Ähnliche rezeptfreie Ansätze wie Formoline L112 oder XLS Medical schneiden noch schlechter ab als Orlistat.
| alli (Orlistat 60 mg) | GLP-1-Medikamente heute | |
|---|---|---|
| Prinzip | Fettblocker im Darm | Sättigungshormon dämpft Hunger |
| Abnahme in Studien | 4,8 kg nach einem Jahr | Rund 15 bis 20 Prozent des Körpergewichts |
| Zugang | Rezeptfrei, apothekenpflichtig | Nur auf Rezept, ärztliche Prüfung |
Hunger bremsen statt Fett blockieren
GLP-1-Medikamente wie Wegovy oder Mounjaro ahmen ein körpereigenes Sättigungshormon nach. Der Magen entleert sich langsamer, du bist schneller satt, und der Heißhunger wird gedämpft. In der STEP-1-Studie verloren Teilnehmer mit Semaglutid 2,4 mg im Schnitt rund 15 Prozent ihres Körpergewichts, in SURMOUNT-1 mit Tirzepatid in der höchsten Dosis rund 20 Prozent.
- Disziplin brauchst du trotzdem. Die Spritze vermittelt sie aber, weil neue Gewohnheiten entstehen, während der Hunger gedämpft ist.
- Kein Freifahrtschein. Das Kaloriendefizit bleibt die Grundlage, das Medikament macht es nur leichter.
- Auch hier gibt es Nebenwirkungen. Vor allem Übelkeit und Verdauungsprobleme, Details unter Abnehmspritzen Nebenwirkungen.
Die Medikamente sind verschreibungspflichtig. Ein Arzt prüft, ob sie für dich infrage kommen, in der Regel ab einem BMI von 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes. Mehr unter Abnehmspritzen und Abnehmtabletten.
Alle Optionen, auch Tabletten wie Mysimba, findest du unter Medikamente zum Abnehmen.
Fazit: Taugt Orlistat 60 mg heute noch was?
Nur sehr begrenzt. alli war ehrlicher als die meisten Abnehmprodukte aus der Drogerie, denn der Wirkstoff ist echt und gut untersucht. Doch der Effekt war klein, die Nebenwirkungen unangenehm, und am Ende haben die Kunden entschieden. Die Marke ist in Deutschland seit 2015 weg, der Wirkstoff in 60 mg ist geblieben. Wenn du über Orlistat nachdenkst, dann mit Arzt und in der wirksameren Dosis. Meine 40 Kilo habe ich mit Kaloriendefizit und neuen Gewohnheiten verloren. Wie das geht, steht in meiner Abnehm-Anleitung.
Echter Wirkstoff, solide Studien, aber nur rund zwei Kilo Vorsprung im Jahr und Nebenwirkungen, die viele abbrechen lassen. Ein ehrlicher Fettblocker mit zu wenig Wirkung für die Mühe.
Ein ärztlich verschriebenes GLP-1-Medikament dämpft den Appetit, damit neue Gewohnheiten Zeit haben. Alle seriösen Anbieter im Anbieter-Vergleich.
Häufige Fragen zu alli
Gibt es alli noch in Deutschland?
Nein, die Marke nicht. GSK hat den Vertrieb 2015 eingestellt. Den Wirkstoff Orlistat 60 mg gibt es aber weiter als apothekenpflichtiges Generikum. Die EU-Zulassung für alli selbst besteht laut EMA noch.
Warum wurde alli vom Markt genommen?
Nicht wegen eines Verbots. Laut Apotheke Adhoc waren die Verkaufszahlen gering, die Marke wurde im Konzern zurückgestellt, und ein Käufer fand sich nicht.
Wo kann man alli heute kaufen?
Original-alli gibt es in Deutschland nicht mehr. Angebote im Netz, die alli oder Orlistat 120 mg ohne Rezept versprechen, sind Graumarkt mit Fälschungsrisiko. Wenn Orlistat, dann über Apotheke und Arzt.
Was hilft heute besser als alli?
Ein dauerhaftes Kaloriendefizit. Bei Adipositas kann ein Arzt ein GLP-1-Medikament wie Wegovy oder Mounjaro verschreiben, das den Hunger dämpft.
- Alli (previously Orlistat GSK) – European Medicines Agency
ema.europa.eu - GlaxoSmithKline receives European Commission approval to market alli (orlistat 60mg) – GSK 2009
gsk.com - alli Orlistat 60 mg ist ab 15. April in den Apotheken – Apotheke Adhoc 2009
apotheke-adhoc.de - Alli räumt das Feld – Apotheke Adhoc 2015
apotheke-adhoc.de - Diätmittel Orlistat verringert die Fettverdauung – Verbraucherzentrale
verbraucherzentrale.de - Welche Schlankheitspillen sind empfehlenswert? – Pharmazeutische Zeitung 2019
pharmazeutische-zeitung.de - FDA advises consumers, health care professionals about Xenical, Alli – News-Medical 2010
news-medical.net - XENical in the Prevention of Diabetes in Obese Subjects (XENDOS) study – Diabetes Care 2004
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov - Orlistat 60 mg Hartkapseln, Beipackzettel – Apotheken Umschau
apotheken-umschau.de - Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1) – NEJM 2021
nejm.org - Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1) – NEJM 2022
nejm.org