Hoodia: Der Wüsten-Hype, der verdorrte
Eine Wüstenpflanze aus der Kalahari, der Jägern den Hunger nimmt, ein Wundermolekül namens P57 und ein Pharmariese, der Millionen wittert. Klang zu gut, um wahr zu sein. Es war auch nicht wahr. Die einzige saubere Studie fand keine Wirkung, dafür höheren Blutdruck.
Aktualisiert: November 2026 · Jörg Keller · Lesezeit 10 Min.
- Hoodia gordonii ist eine Sukkulente aus dem südlichen Afrika, die das Volk der San auf langen Jagden gegen Hunger genutzt haben soll
- Pfizer und später Unilever wollten daraus ein Abnehmmittel machen und stiegen beide wieder aus
- In der einzigen sauberen Studie aß die Hoodia-Gruppe nicht weniger als die Placebo-Gruppe, hatte aber höheren Blutdruck und Puls
- Viele Hoodia-Produkte enthielten gar kein Hoodia, in der EU darf Hoodia gordonii ohne Zulassung nicht verkauft werden
- Was heute wirklich gegen den Hunger hilft, sind GLP-1-Medikamente auf Rezept nach ärztlicher Prüfung

- Abnehmwirkung
- Sicherheit
- Studienlage
- Heute erhältlich
Damals versprochen …uraltes Wissen der Buschleute, ein natürlicher Appetitzügler ohne Nebenwirkungen und Kilos weg ohne Hungergefühl.
Was wirklich passierte …Pfizer und Unilever gaben auf, die Studie zeigte Placebo-Niveau, und viele Kapseln enthielten nicht einmal die Pflanze.
| Wirkstoff | Extrakt aus Hoodia gordonii, angeblicher Hauptwirkstoff ist das Glykosid P57 |
|---|---|
| Handelsnamen | Unzählige Kapseln, Tees und Pulver unter „Hoodia“ oder „Hoodia gordonii“ |
| Wirkprinzip | Soll den Appetit über das Gehirn dämpfen, beim Menschen nicht belegt |
| Auf dem Markt | Als Nahrungsergänzung ab 2003, nie als Arzneimittel zugelassen |
| Status heute | In der EU als Lebensmittel und Nahrungsergänzung nicht zugelassen, Wildpflanze artgeschützt |
| Grund | Keine Wirkung belegt, Nebenwirkungen, Fälschungen, Artenschutz |
Was ist Hoodia gordonii?
Hoodia gordonii sieht aus wie ein Kaktus, ist aber eine Sukkulente aus den Halbwüsten des südlichen Afrikas, von Südafrika über Botswana und Namibia bis Angola. Die Geschichte, mit der sie berühmt wurde, ist schön erzählt. Die San, ein Volk aus der Kalahari, sollen Stücke der Pflanze auf langen Jagden gekaut haben, um Hunger und Durst zu unterdrücken.
Aus dieser Überlieferung wurde Anfang der 2000er einer der größten Abnehm-Hypes überhaupt. In meiner Rubrik Alte Abnehmmittel steht Hoodia deshalb neben Produkten wie Garcinia Cambogia und Himbeerketon.
Buschleute, die tagelang ohne Essen jagen. Eine Geschichte, die sich besser verkauft als jede Studie.
Südafrikanische Forscher isolierten ein Glykosid, das sie für den Wirkstoff hielten. Patentiert ab 1997.
Erst Pfizer, dann Unilever. Beide investierten, beide zogen sich zurück.
Wie P57 wirken soll, ist bis heute unklar. Die US-Gesundheitsbehörde NIH beschreibt, dass Tierversuche weniger Futteraufnahme zeigten und P57 im Gehirn wirken könnte. Selbst darüber sind sich die Forscher aber nicht einig. Beim Menschen fehlt der Beleg.
Die Geschichte: Aufstieg und Absturz
Die Hoodia-Story ist ein Lehrstück darüber, wie aus einer Legende ein Millionenversprechen wird und daraus ein Regal voller Kapseln ohne Inhalt.
- 1930er
Die San teilen ihr Wissen über Hoodia mit einem niederländischen Anthropologen, der es in einem Buch veröffentlicht. - 1963 bis 1999
Der südafrikanische Forschungsrat CSIR erforscht die Pflanze, ab 1990 mit einem großen Programm, das zum Molekül P57 führt. 1997 folgt das Patent in Südafrika, 1999 in den USA. Die britische Firma Phytopharm lizenziert die Rechte 1997. - 2003
Pfizer gibt die Rechte an P57 zurück, nachdem das Projekt die zweite Studienphase erreicht hatte. Im März unterschreiben die San einen Vertrag über einen Anteil an künftigen Erlösen. Ab November verkauft eine kanadische Firma Hoodia in Nordamerika, beworben als Ersatz für das gerade verbotene Ephedra. - 2004
Hoodia gordonii kommt unter das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. Wildpflanzen gelten als bedroht. - Mitte der 2000er
Der Hype explodiert. Talkshows, Promis und Radiowerbung machen Hoodia bekannt. Bis 2007 gehen bei der US-Handelsbehörde FTC über hundert Beschwerden ein. - 2008
Unilever beendet die Partnerschaft mit Phytopharm, ein Projekt im Wert von rund 20 Millionen Euro. Begründung sind Zweifel an Sicherheit und Wirksamkeit. - 2010
Phytopharm gibt die Patente an den südafrikanischen Staat zurück. Ein marktfähiges Produkt gibt es bis dahin nicht. - 2011
Die entscheidende Studie erscheint. Ergebnis gleich Placebo.
Warum Pfizer ausstieg, ist nicht eindeutig geklärt. Offiziell hieß es, man habe die Entwicklungspipeline geändert. Laut einem Bericht der US-Ärztin Harriet Hall war P57 schwer synthetisch herzustellen, und ein Pfizer-Forscher warnte, dass andere Bestandteile der Pflanze die Leber schädigen könnten.
Der Ephedra-Effekt: Hoodia kam genau zu dem Zeitpunkt groß raus, als die US-Behörden das aufputschende Ephedra verboten. Die Hersteller brauchten ein neues Zugpferd, und eine Wüstenpflanze mit Jäger-Legende passte perfekt. Warum Ephedra so gefährlich war, liest du unter Ephedrin zum Abnehmen.
Was Studien zeigen
Für einen der meistverkauften Schlankmacher seiner Zeit ist die Studienlage erschreckend dünn. Phytopharm berichtete von einer kleinen Studie mit 19 übergewichtigen Männern, in der P57 die tägliche Kalorienaufnahme gesenkt haben soll. Die erste ordentliche, placebokontrollierte Studie kam erst 2011 und wurde ausgerechnet von Mitarbeitern von Unilever und Phytopharm durchgeführt.
| Studie | Umfang | Ergebnis |
|---|---|---|
| Phytopharm, Firmenangabe | 19 übergewichtige Männer | Weniger Kalorienaufnahme, keine unabhängige Bestätigung |
| Blom u. a., American Journal of Clinical Nutrition 2011 | 49 gesunde Frauen, 15 Tage, doppelblind gegen Placebo | Kein Unterschied bei Kalorienaufnahme und Gewicht |
| Verbraucherzentrale, Bewertung 2026 | Auswertung der Studienlage | Eine anhaltende Wirkung auf Kalorien, Körperfett oder Gewicht ist nicht belegt |
In der Studie von 2011 nahmen beide Gruppen in gut zwei Wochen etwa gleich viel ab.
Gleichstand. Was die Frauen abgenommen haben, lag also nicht an der Pflanze. Abnehmen bleibt Mathematik, und die rechnest du dir mit meiner Anleitung zum Kalorienverbrauch aus.
Nebenwirkungen und Risiken
Ausgerechnet die Studie, die keine Wirkung fand, fand dafür Nebenwirkungen. Das widerlegt das Versprechen vom sanften Naturprodukt gleich doppelt.
Was Hoodia versprach
- Kein HungerBeim Menschen nicht belegt, die Kalorienaufnahme sank nicht stärker als mit Placebo.
- Rein natürlichNatürlich heißt nicht harmlos, und oft war gar keine Pflanze drin.
- Keine NebenwirkungenDie Studie von 2011 zeigt das Gegenteil.
Was die Studie fand
- MagenMehr Übelkeit und Erbrechen als unter Placebo.
- KreislaufDeutlich höherer Blutdruck, Puls und Herzfrequenz, über die ganze Studiendauer.
- LeberwerteBilirubin und alkalische Phosphatase stiegen an, die Bedeutung ist unklar.
- HautHäufiger Missempfindungen der Haut.
- KopfKopfschmerzen und Schwindel werden ebenfalls beschrieben.
Wichtig bei Herz und Blutdruck: Wer Bluthochdruck hat, Herzmedikamente nimmt oder Leberprobleme hat, sollte von Hoodia-Produkten die Finger lassen. Laut Verbraucherzentrale fehlen Standards für die Herstellung und toxikologische Daten, klare Aussagen zur Sicherheit sind deshalb nicht möglich.
Fälschungen und Rechtslage heute
Auf dem Höhepunkt des Hypes war echtes Hoodia knapp, denn die Wildbestände stehen unter Schutz. Die Nachfrage war riesig. Das Ergebnis kannst du dir denken.
Jetzt mal ehrlich: In der EU darf Hoodia gordonii weder als Lebensmittel noch als Nahrungsergänzung ohne Zulassung verkauft werden, eine solche Zulassung gibt es nicht. Der Import von Hoodia-Extrakten ist laut Verbraucherzentrale auch für den privaten Gebrauch illegal. P57 ist nie als Medikament zugelassen worden. Wer heute „Hoodia“ im Netz bestellt, bekommt bestenfalls Pflanzenpulver ohne Wirkung und schlimmstenfalls irgendetwas ganz anderes.
Eine Ausnahme sorgt für Verwirrung. Seit 2018 ist die verwandte Art Hoodia parviflora in der EU für Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene zugelassen. Werbung mit Gewichtsverlust ist aber auch dafür nicht erlaubt. Ein Abnehmmittel ist das also nicht, genau wie die meisten Fatburner, die ich auch im Fatburner-Check zerlegt habe.
Was heute statt Hoodia hilft
Die Idee hinter Hoodia war gar nicht dumm. Weniger Hunger macht das Kaloriendefizit leichter. Nur hat die Wüstenpflanze das nie geliefert. Heute gibt es Medikamente, die genau dieses Versprechen in großen Studien eingelöst haben.
| Hoodia damals | GLP-1 heute | |
|---|---|---|
| Wirkprinzip | Angeblicher Appetitzügler, Mechanismus unklar | Sättigungshormon, Magen leert sich langsamer |
| Beleg beim Menschen | Eine kleine Studie, Ergebnis gleich Placebo | Große Zulassungsstudien, rund 15 bis 20 Prozent Gewichtsverlust |
| Inhalt | Oft ohne Hoodia | Geprüfte Menge aus der Apotheke |
| Rechtslage EU | Nicht verkehrsfähig | Zugelassen, verschreibungspflichtig |
Der Appetitzügler, den Hoodia sein wollte
Hoodia war ein Hype-Extrakt mit einer guten Geschichte und ohne Beleg. GLP-1-Medikamente wie Wegovy ahmen ein körpereigenes Sättigungshormon nach, lassen den Magen langsamer leeren und dämpfen den Heißhunger. In der Studie STEP 1 verloren Teilnehmer mit Semaglutid 2,4 mg im Schnitt rund 15 Prozent ihres Gewichts, in SURMOUNT-1 mit Tirzepatid rund 20 Prozent.
- Disziplin brauchst du trotzdem. Die Spritze vermittelt sie aber, weil sich kleine Portionen zur Gewohnheit machen, während der Hunger gedämpft ist.
- Nebenwirkungen sind bekannt. Vor allem Übelkeit und Verdauungsprobleme, mehr unter Nebenwirkungen von Abnehmspritzen.
- Spritze oder Tablette. Semaglutid gibt es inzwischen auch als Tablette.
Die Medikamente sind verschreibungspflichtig. Ein Arzt prüft, ob sie für dich infrage kommen, in der Regel ab einem BMI von 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankungen. Mehr unter Abnehmspritzen und Abnehmtabletten.
Fazit: Hoodia ist ein Märchen
Hoodia hatte alles, was ein Hype braucht. Eine exotische Pflanze, eine rührende Legende, ein Patent und große Namen. Was fehlte, war die Wirkung. Zwei Weltkonzerne haben das erkannt und sind ausgestiegen, die einzige saubere Studie zeigte Placebo-Niveau mit höherem Blutdruck. Dazu Kapseln ohne Inhalt und ein Verkaufsverbot in der EU. Abnehmen funktioniert über das Kaloriendefizit, wie du es angehst, steht in meiner Abnehm-Anleitung.
Keine belegte Wirkung, aber Nebenwirkungen, massenhaft Fälschungen und in der EU nicht verkehrsfähig. Nur weil es nicht so gefährlich ist wie versteckte Arzneistoffe, keine glatte 6. Gute Geschichte, schlechtes Abnehmmittel.
Ein ärztlich verschriebenes GLP-1-Medikament dämpft den Hunger, damit neue Gewohnheiten Zeit haben. Alle seriösen Anbieter im Anbieter-Vergleich.
Häufige Fragen zu Hoodia
Wo kann man Hoodia kaufen?
In der EU legal nicht. Hoodia gordonii ist als Lebensmittel und Nahrungsergänzung nicht zugelassen, der Import von Extrakten ist auch privat illegal. Produkte aus dem Netz enthalten oft gar kein Hoodia. Wer ernsthaft Hilfe beim Abnehmen sucht, findet zugelassene Optionen unter Medikamente.
Wirkt Hoodia beim Abnehmen?
Nach heutigem Wissen nein. In der placebokontrollierten Studie von 2011 aßen die Frauen mit Hoodia nicht weniger und nahmen nicht mehr ab als mit Placebo.
Warum hat Pfizer Hoodia aufgegeben?
Pfizer gab die Rechte an P57 2003 zurück. Offiziell wegen Änderungen in der Entwicklungspipeline, laut Berichten auch, weil der Stoff schwer herzustellen war und Fragen zur Leber offen waren.
Hat Hoodia Nebenwirkungen?
Ja. In der Studie traten mehr Übelkeit, Erbrechen und Hautmissempfindungen auf, außerdem stiegen Blutdruck, Puls und zwei Leberwerte.
Ist Hoodia gordonii ein Kaktus?
Nein, auch wenn es so aussieht. Hoodia ist eine Sukkulente aus dem südlichen Afrika, die Wildpflanze steht seit 2004 unter internationalem Artenschutz.
Was hilft heute statt Hoodia gegen Hunger?
Eiweißreiches Essen, viel Gemüse und feste Mahlzeiten. Bei Adipositas kann ein Arzt GLP-1-Medikamente verschreiben, die den Appetit nachweislich dämpfen. Mehr unter Abnehmspritzen.
- Hoodia-Produkte: Problematisch für Gesundheit und Umwelt – Verbraucherzentrale
verbraucherzentrale.de - Dietary Supplements for Weight Loss, Fact Sheet for Health Professionals – NIH Office of Dietary Supplements
ods.od.nih.gov - Leveraging Economic Growth through Benefit Sharing – WIPO
wipo.int - Pfizer returns P57, Unilever deal with Phytopharm – BioWorld
bioworld.com - Millenium Health to market African herbal for weight loss – NutraIngredients 2004
nutraingredients.com - Why Unilever canned €20m hoodia project: Newly published study disappoints – FoodNavigator 2011
foodnavigator.com - Weight Loss Customers Are Being Hoodia-Winked – Science-Based Medicine 2011
sciencebasedmedicine.org