Ponderax: Der Appetitzügler, der ans Herz ging
Ponderax war der Appetitzügler für alle, die von Aufputschpillen die Nase voll hatten. Kein Herzrasen, keine Sucht, nur weniger Hunger. Im September 1997 verschwand es innerhalb einer Woche aus den Apotheken, weil der Wirkstoff Herzklappen schädigen kann. Hier steht, was wirklich passiert ist und was heute an seine Stelle tritt.
Aktualisiert: November 2026 · Jörg Keller · Lesezeit 10 Min.
- Ponderax enthielt Fenfluramin, das den Appetit über Serotonin dämpfte, statt aufzuputschen
- Vertrieben wurde es in Deutschland von Servier, als Kapsel und als Ponderax retard
- Nach Berichten über Herzklappenschäden kam am 17. September 1997 der Rote-Hand-Brief, am 23. September ordnete das BfArM den Rückruf an
- Die oft genannten 50 Millionen Patienten sind eine Schätzung für Fenfluramin in ganz Europa, nicht für Ponderax allein
- Heute treten ärztlich verordnete GLP-1-Medikamente an seine Stelle

- Abnehmwirkung
- Sicherheit
- Studienlage
- Heute erhältlich
Damals versprochen …ein sanfter Appetitzügler ohne die Unruhe und Abhängigkeit der Amphetamin-Pillen, ein Mittel, das man über Monate nehmen kann.
Was wirklich passierte …bei Anwenderinnen tauchten undichte Herzklappen und Lungenhochdruck auf. Servier zog Ponderax im September 1997 zurück, seitdem gibt es kein Ponderax mehr.
| Wirkstoff | Fenfluramin (Gemisch aus links- und rechtsdrehender Form) |
|---|---|
| Handelsnamen | Ponderax, Ponderax retard |
| Wirkprinzip | Setzt Serotonin frei und bremst die Wiederaufnahme, das Sättigungsgefühl kommt früher |
| Auf dem Markt | Bis September 1997 |
| Status heute | Zulassung 1997 ruhend gestellt, später widerrufen, keine Produktion |
| Grund | Herzklappenschäden und Lungenhochdruck |
Was war Ponderax?
Ponderax war ein verschreibungspflichtiger Appetitzügler mit dem Wirkstoff Fenfluramin. In Deutschland vertrieb ihn die Servier Deutschland GmbH, Lizenznehmerin des französischen Konzerns Servier. Es gab ihn als normale Kapsel und als Ponderax retard, die den Wirkstoff langsamer abgab. Er gehört zu den bekanntesten Mitteln in unserer Übersicht Alte Abnehmmittel.
Fenfluramin ist chemisch mit Amphetamin verwandt, machte aber nicht wach und nervös. Das hob Ponderax von Mitteln wie Regenon ab.
Vom selben Hersteller kam Isomeride mit Dexfenfluramin, der rechtsdrehenden Hälfte des Wirkstoffs.
In den USA hieß Fenfluramin Pondimin und wurde mit Phentermin zum berüchtigten Fen-Phen kombiniert.
Wer heute nach Ponderax sucht, hat meist eine von zwei Fragen. Entweder hat die Mutter oder Tante das Mittel in den Achtzigern genommen und man will wissen, was dahintersteckt. Oder man hofft, irgendwo noch eine Packung zu finden. Die erste Frage beantworte ich gern, für die zweite gibt es keinen legalen Weg.
So wirkte Ponderax im Körper
Ponderax hat nicht den Magen verkleinert und keinen Stoffwechsel angeheizt. Es hat dem Gehirn vorgespielt, du wärst schon satt.
Den Zusammenhang mit dem Rezeptor 5-HT2B haben Forscher um Richard Rothman erst im Jahr 2000 beschrieben, drei Jahre nach dem Rückruf. Damals, als Ponderax in den Apotheken stand, wusste niemand, wonach man hätte suchen müssen. Die ganze Pharmakologie dahinter erkläre ich auf der Seite zu Fenfluramin.
Ganz ehrlich zur Wirkung: Ponderax hat den Hunger tatsächlich gedämpft, sonst wäre es nicht jahrzehntelang verschrieben worden. Abgenommen hast du trotzdem nur über weniger Kalorien. Kein Appetitzügler der damaligen Zeit hat bewiesen, dass er Folgekrankheiten verhindert oder das Leben verlängert, das hielten Rheinisches Ärzteblatt und Arzneimittelbrief 1997 fest.
Die Geschichte: Aufstieg und Absturz
Lange war Ponderax ein unauffälliges Rezeptmittel. Das Ende kam schnell und kam aus Amerika.
- 1960er
Fenfluramin wird in Frankreich als Appetitzügler eingeführt und verbreitet sich in Europa. - 1996
Eine internationale Studie aus vier europäischen Ländern findet bei Appetitzüglern, vor allem Fenfluramin-Abkömmlingen, ein deutlich erhöhtes Risiko für Lungenhochdruck. - Sommer 1997
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft berät über das Lungenhochdruck-Risiko. Eine Empfehlung, die Therapie auf höchstens drei Monate zu begrenzen, ist in Vorbereitung. - Juli 1997
Die Mayo Clinic in den USA meldet 24 Frauen mit geschädigten Herzklappen nach Fen-Phen. - 15. September 1997
In den USA nehmen die Hersteller Fenfluramin und Dexfenfluramin auf Bitten der FDA vom Markt, weltweit folgt der Rückzug. - 17. September 1997
Servier teilt per Rote-Hand-Brief mit, dass Ponderax und Isomeride ab sofort nicht mehr vertrieben werden. - 23. September 1997
Auf Antrag des Unternehmens ordnet das BfArM das Ruhen der Zulassung und den Rückruf aller Chargen von Ponderax, Ponderax retard und Isomeride an.
Spannend ist der Ton. Servier sprach im Rote-Hand-Brief von Einzelfällen ohne gesicherten Zusammenhang, das arznei-telegramm warf dem Unternehmen vor, die Lage herunterzuspielen. Die US-Behörde FDA nannte die Einnahme dagegen ein nicht akzeptables Risiko. Später wurde die deutsche Zulassung endgültig widerrufen.
Warum traf es Ponderax überhaupt, obwohl es hierzulande gar kein Fen-Phen gab? Phentermin war in Deutschland 1997 nicht zugelassen, die Kombination kam also praktisch nicht vor. Der Verdacht fiel aber auf das Fenfluramin selbst, nicht auf den Partner. Eine Studie aus Minneapolis bestätigte das 1998 im New England Journal of Medicine. Auch Patienten, die nur Dexfenfluramin genommen hatten, zeigten deutlich häufiger undichte Klappen als Vergleichspersonen. Wie es dem US-Partner weiter erging, liest du unter Phentermin.
50 Millionen Patienten? Der Faktencheck
Unsere alte Ponderax-Seite hatte eine knackige Überschrift mit „50 Millionen Patienten“. Ich habe nachgeprüft, was davon belegt ist.
Was belegt ist
- Die Zahl existiertEin Studienprotokoll des Fintepla-Herstellers nennt rund 50 Millionen Europäer, die zwischen 1963 und 1996 Fenfluramin zum Abnehmen bekamen, gestützt auf ein toxikologisches Fachbuch.
- Die USA kommen dazuDort gab es 1996 über 18 Millionen Fen-Phen-Verschreibungen. Das US-Gesundheitsministerium schätzte allein für die Zeit ab 1995 rund 1,2 bis 4,7 Millionen Anwender in den USA.
Was nicht belegt ist
- Nicht Ponderax alleinDie Zahl betrifft den Wirkstoff Fenfluramin in ganz Europa, nicht die Marke Ponderax.
- Keine ZählungEs ist eine Hochrechnung. Eine echte Patientenstatistik gibt es dafür nicht.
- Kein „Nr. 1 der Welt“Dass Ponderax das meistverordnete Abnehmmittel der Welt war, lässt sich nicht belegen.
Die ehrliche Version lautet deshalb so. Fenfluramin war über drei Jahrzehnte einer der meistgenutzten Appetitzügler Europas, Schätzungen sprechen von rund 50 Millionen Anwendern. Ponderax war in Deutschland das bekannteste Präparat damit.
Nebenwirkungen und Risiken
Lästige Nebenwirkungen haben viele Appetitzügler, für den Rückruf spielten sie keine Rolle. Gefährlich waren zwei Dinge, die man lange nicht spürt.
Klappen werden dick und schließen nicht mehr. Bei den 24 Frauen der Mayo Clinic waren Klappen links und rechts im Herzen betroffen, 5 brauchten eine Operation.
Der Druck in den Lungengefäßen steigt, das Herz muss gegen einen Widerstand pumpen. Bei mehr als drei Monaten Einnahme war das Risiko in der Studie von 1996 rund 23-fach erhöht.
In den Ultraschall-Erhebungen hatten die meisten Betroffenen keine Beschwerden. Man fand die Schäden nur, weil man gezielt nachsah.
Wie häufig das war, zeigten Ultraschall-Erhebungen in fünf US-Bundesstaaten. Je länger die Einnahme, desto häufiger die Schäden.
Die Behörden wiesen selbst darauf hin, dass die Daten vorläufig waren. Das Muster war trotzdem eindeutig. Ein Drittel der untersuchten Anwender hatte auffällige Klappen.
Du hast Ponderax früher genommen? Die US-Gesundheitsbehörden empfahlen 1997 allen Betroffenen eine ärztliche Untersuchung des Herzens und bei Luftnot oder neuem Herzgeräusch einen Herzultraschall. Erzähl deinem Hausarzt davon, auch wenn es Jahrzehnte her ist.
Ponderax kaufen: Warum das nicht geht
Ponderax gibt es nicht mehr. Seit 1997 wird es nicht mehr hergestellt, die Zulassung wurde erst ruhend gestellt und später widerrufen. Kein Arzt kann es verschreiben, keine Apotheke darf es abgeben. Der Wirkstoff Fenfluramin steckt heute nur noch in Fintepla, einem Mittel gegen seltene schwere Epilepsien mit Sonderrezept und Pflicht-Herzultraschall.
Finger weg von „Ponderax“ aus dem Netz: Wenn irgendwo ein alter Markenname auftaucht, ist das eine Fälschung oder ein Lockangebot. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit fand in den meisten untersuchten Schlankheitsmitteln aus dem Internet Wirkstoffe, die nicht auf dem Etikett standen, darunter Sibutramin und Rimonabant. Der Handel mit solchen Präparaten ist strafbar. Mehr zu diesen Fallen unter Sibutramin und Fatburner im Check.
Auch die Geschwister sind keine Lösung. Verwandte Mittel wie Mediator mit Benfluorex oder das ältere Menocil sind aus ähnlichen Gründen Geschichte.
Damals vs. heute
Ponderax und moderne Abnehmspritzen wollen dasselbe, weniger Hunger. Der Weg dahin könnte kaum unterschiedlicher sein.
Damals: Ponderax
- AngriffspunktSerotonin
- HerzrisikoKlappenschäden
- Sicherheitsdatenkamen zu spät
- Statusseit 1997 weg
Heute: GLP-1
- AngriffspunktSättigungshormon
- Herzrisikovor Zulassung geprüft
- Gewichtsverlustrund 15 bis 20 %
- Statuszugelassen
Was heute statt Ponderax hilft
Die Idee hinter Ponderax war richtig. Wer weniger Hunger hat, hält ein Kaloriendefizit leichter durch. Nur der Botenstoff war der falsche.
Weniger Hunger, ohne Serotonin-Risiko
Ponderax hat Serotonin im ganzen Körper hochgedreht. GLP-1-Medikamente wie Wegovy und Mounjaro ahmen stattdessen ein körpereigenes Sättigungshormon nach. Du wirst früher satt, der Magen leert sich langsamer, Heißhunger wird seltener. In der Studie STEP 1 verloren Teilnehmer mit Semaglutid 2,4 mg im Schnitt rund 15 Prozent ihres Gewichts, in SURMOUNT-1 mit Tirzepatid rund 20 Prozent.
- Disziplin bleibt nötig. Die Spritze vermittelt sie aber, weil die neue Gewohnheit entsteht, während der Hunger gedämpft ist.
- Nur auf Rezept. Ein Arzt prüft, ob es passt, in der Regel ab BMI 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung.
- Auch hier gibt es Nebenwirkungen. Vor allem Übelkeit und Verdauung, alles unter Nebenwirkungen von Abnehmspritzen.
Alle Infos unter Abnehmspritzen und Abnehmtabletten, die zwei wichtigsten Mittel unter Wegovy und Mounjaro.
Jetzt mal ehrlich: Ponderax hat niemanden schlank gemacht. Es hat den Hunger leiser gestellt, abgenommen haben die Leute über weniger Essen. Genau so funktioniert auch die Spritze. Abnehmen ist Mathematik, und wer nach dem Absetzen wieder isst wie vorher, hat das Gewicht zurück. Wie ich meine 40 Kilo ohne Spritze verloren habe, steht in meiner Abnehm-Anleitung.
Fazit: Taugt Ponderax heute was?
Nein. Ponderax ist seit 1997 vom Markt, und das zu Recht. Es hat gemacht, was es versprach, den Appetit gedämpft. Dafür hat es bei vielen Anwenderinnen die Herzklappen und die Lunge geschädigt, und das bei einem Mittel, das als besonders sanft galt. Heute gibt es Medikamente, die stärker wirken und vor der Zulassung auf Herzsicherheit geprüft wurden. Einen Überblick über alle zugelassenen Optionen findest du unter Medikamente zum Abnehmen.
Seit 1997 weltweit vom Markt, Zulassung widerrufen, belegte Herzklappenschäden, kein legaler Bezug. Ponderax ist Geschichte und sollte es bleiben.
Ein ärztlich verschriebenes GLP-1-Medikament dämpft den Appetit über Sättigungshormone. Alle seriösen Anbieter im Anbieter-Vergleich.
Häufige Fragen zu Ponderax
Was war Ponderax?
Ein verschreibungspflichtiger Appetitzügler mit Fenfluramin, vertrieben von Servier. Er dämpfte den Hunger über Serotonin und war als Kapsel und als Ponderax retard erhältlich.
Warum wurde Ponderax verboten?
Weil Fenfluramin mit Herzklappenschäden und Lungenhochdruck in Verbindung gebracht wurde. Servier stoppte den Vertrieb am 17. September 1997, das BfArM ordnete am 23. September den Rückruf an.
Kann man Ponderax heute noch kaufen?
Nein. Es wird seit 1997 nicht mehr hergestellt, die Zulassung wurde widerrufen. Alles, was im Netz unter dem Namen auftaucht, ist gefälscht oder ein Betrug.
Was ist der Unterschied zwischen Ponderax und Isomeride?
Ponderax enthielt das Gemisch beider Formen des Fenfluramins, Isomeride nur die rechtsdrehende Form Dexfenfluramin. Beide wurden 1997 zusammen zurückgerufen.
Stimmt es, dass 50 Millionen Menschen Ponderax genommen haben?
Nicht ganz. Die Schätzung von rund 50 Millionen bezieht sich auf Fenfluramin in ganz Europa zwischen 1963 und 1996, nicht auf Ponderax allein.
Was hilft heute statt Ponderax?
Ab BMI 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung kann ein Arzt GLP-1-Medikamente wie Wegovy oder Mounjaro verschreiben. Mehr unter Abnehmspritzen.
- Rückruf von Ponderax (Fenfluramin) und Isomeride (Dexfenfluramin) – Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Deutsches Ärzteblatt
aerzteblatt.de - Marktrücknahme von Fenfluramin und Dexfenfluramin – arznei-telegramm 10/1997
arznei-telegramm.com - Assoziation zwischen Herzklappenerkrankungen, pulmonaler Hypertonie und Fenfluramin-Phentermin-Kombinationstherapie – Der Arzneimittelbrief 1997
der-arzneimittelbrief.com - Sicherer verordnen, Fenfluramin und Dexfenfluramin – Rheinisches Ärzteblatt 1997
aekno.de - Cardiac Valvulopathy Associated with Exposure to Fenfluramine or Dexfenfluramine – CDC, MMWR 1997
cdc.gov - Valvular Heart Disease Associated with Fenfluramine–Phentermine – New England Journal of Medicine 1997
nejm.org - Appetite-suppressant drugs and the risk of primary pulmonary hypertension – New England Journal of Medicine 1996
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov - The prevalence of cardiac valvular insufficiency assessed by transthoracic echocardiography in obese patients treated with appetite-suppressant drugs – New England Journal of Medicine 1998
experts.umn.edu - Evidence for possible involvement of 5-HT2B receptors in the cardiac valvulopathy associated with fenfluramine – Circulation 2000
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov - Fen-Phen und Herzklappenerkrankungen, Übersicht – Cleveland Clinic Journal of Medicine 1998
ccjm.org - Studienprotokoll ZX008 (Fenfluramin), Hintergrund zur Anwendung als Appetitzügler – ClinicalTrials.gov
clinicaltrials.gov - Der Mediator-Skandal in Frankreich – Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie
blog.endokrinologie.net - Warnung vor illegalen Schlankheitsmitteln – Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
lgl.bayern.de - Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1) – New England Journal of Medicine 2021
nejm.org - Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1) – New England Journal of Medicine 2022
nejm.org