Isomeride: Die halbe Pille, das ganze Risiko
Isomeride sollte die verbesserte Version von Ponderax sein. Statt des ganzen Wirkstoffs nur die eine Hälfte des Moleküls, sauberer, moderner, sogar in den USA neu zugelassen. Wenige Monate später war es weltweit vom Markt, weil auch diese Hälfte die Herzklappen schädigte. Hier ist die Geschichte und was heute statt Isomeride hilft.
Aktualisiert: November 2026 · Jörg Keller · Lesezeit 10 Min.
- Isomeride enthielt Dexfenfluramin, die rechtsdrehende Form von Fenfluramin, und dämpfte den Appetit über Serotonin
- In den USA kam derselbe Wirkstoff erst 1996 als Redux auf den Markt und war schon 1997 wieder weg
- Schon vor dem Rückruf prüften deutsche Experten das Risiko für Lungenhochdruck unter Dexfenfluramin
- Am 23. September 1997 ordnete das BfArM den Rückruf aller Chargen von Isomeride und Ponderax an
- Heute treten ärztlich verordnete GLP-1-Medikamente an seine Stelle, die über Sättigungshormone wirken

- Abnehmwirkung
- Sicherheit
- Studienlage
- Heute erhältlich
Damals versprochen …die gereinigte, moderne Form eines bewährten Appetitzüglers, ohne Aufputschwirkung und gut genug für eine neue Zulassung in den USA.
Was wirklich passierte …auch Dexfenfluramin allein ging mit undichten Herzklappen und Lungenhochdruck einher. Im September 1997 war es weltweit vorbei.
| Wirkstoff | Dexfenfluramin, die rechtsdrehende Form von Fenfluramin |
|---|---|
| Handelsnamen | Isomeride (Deutschland, Europa), Redux (USA) |
| Wirkprinzip | Setzt Serotonin frei und bremst die Wiederaufnahme, das Sättigungsgefühl kommt früher |
| Auf dem Markt | Bis September 1997, in den USA nur 1996 bis 1997 |
| Status heute | Weltweit vom Markt, in Deutschland Zulassung 1997 ruhend gestellt und später widerrufen |
| Grund | Herzklappenschäden und Lungenhochdruck |
Was war Isomeride?
Isomeride war ein verschreibungspflichtiger Appetitzügler des französischen Herstellers Servier. Der Wirkstoff Dexfenfluramin ist eine Hälfte des Fenfluramin-Moleküls. Fenfluramin kommt nämlich in zwei spiegelbildlichen Formen vor, einer links- und einer rechtsdrehenden. Das ältere Ponderax enthielt beide, Isomeride nur die rechtsdrehende. Alle anderen Mittel dieser Zeit findest du in der Übersicht Alte Abnehmmittel.
Viele Wirkstoffe gibt es in zwei Formen wie linke und rechte Hand. Oft wirkt eine Form besser, also isoliert man sie. Daher der Name Isomeride.
Ponderax und Isomeride kamen beide von Servier, in Deutschland vertrieben über die Servier Deutschland GmbH.
Unter dem Namen Redux bekam Dexfenfluramin 1996 eine eigene US-Zulassung, vermarktet von Interneuron.
Die Grundlagen zum Wirkstoff, zu Fen-Phen und zum heutigen Comeback als Epilepsiemittel stehen auf der Dachseite Fenfluramin. Hier geht es um das, was Isomeride besonders macht, den Versuch, ein altes Mittel durch Halbierung sicherer zu machen.
So wirkte Isomeride im Körper
Isomeride hat nicht aufgeputscht, sondern den Hunger leiser gestellt. Das Gehirn bekam früher das Signal „satt“.
Jetzt kommt der bittere Teil. Forscher um Richard Rothman haben im Jahr 2000 alle Formen des Abbauprodukts Norfenfluramin getestet, das Gemisch, die rechtsdrehende und die linksdrehende Form. Alle drei banden stark an den Klappen-Rezeptor 5-HT2B. Die Halbierung des Moleküls hat das Herzproblem also nicht gelöst, sie hat es nur in eine andere Packung gesteckt.
Ganz ehrlich zur Wirkung: Isomeride hat den Hunger gedämpft. Abgenommen hast du trotzdem nur über weniger Kalorien. Das Rheinische Ärzteblatt hielt 1997 fest, dass keine klinische Studie je gezeigt hatte, dass Appetitzügler Folgekrankheiten verhindern oder das Leben verlängern.
Redux: Isomeride in Amerika
In Europa gab es Dexfenfluramin als Isomeride schon vorher, in den USA kam es erst spät. 1996 ließ die FDA es unter dem Namen Redux zu, für die Einzelanwendung bei ausgeprägtem Übergewicht und für höchstens ein Jahr. Es traf auf einen Markt, der gerade im Fen-Phen-Fieber war. Allein 1996 gab es dort über 18 Millionen Verschreibungen dieser Appetitzügler.
Was Redux versprach
- Offizielle ZulassungAnders als Fen-Phen war Redux ein regulär geprüftes und zugelassenes Mittel.
- Längere AnwendungBis zu einem Jahr statt der üblichen kurzen Kur mit Aufputschmitteln.
- Modernes ImageDie gereinigte Form eines Wirkstoffs, den Europa seit Jahrzehnten kannte.
Was Redux brachte
- Rückzug nach kurzer ZeitAm 15. September 1997 nahmen die Hersteller Redux und Pondimin auf Bitten der FDA vom Markt.
- KlappenschädenAuch unter Dexfenfluramin ohne Partner fanden sich gehäuft undichte Herzklappen.
- Klagewelle1999 bot American Home Products bis zu 3,75 Milliarden Dollar für einen Vergleich mit Redux- und Pondimin-Anwendern.
Kombiniert wurde Dexfenfluramin in den USA übrigens auch, mit Phentermin, genau wie Fenfluramin beim berüchtigten Fen-Phen. Gerade bei diesen Kombinationen war das Risiko in den späteren Studien am höchsten. Phentermin selbst war vom Rückzug 1997 nicht betroffen.
Die Geschichte: Aufstieg und Absturz
Bei Isomeride gab es Warnzeichen schon vor dem großen Knall. Sie betrafen allerdings die Lunge, nicht das Herz.
- 1996
Eine internationale Studie aus vier europäischen Ländern verknüpft Appetitzügler, vor allem Fenfluramin-Abkömmlinge, mit Lungenhochdruck. Im selben Jahr startet Redux in den USA. - Sommer 1997
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft bewertet das seltene, aber schwere Risiko für Lungenhochdruck unter Dexfenfluramin. Eine Empfehlung, die Behandlung auf höchstens drei Monate zu begrenzen, ist in Vorbereitung. - Juli 1997
Die Mayo Clinic meldet 24 Frauen mit geschädigten Herzklappen nach Fen-Phen. - 15. September 1997
Redux und Pondimin verschwinden in den USA vom Markt, weltweit folgt der Rückzug von Fenfluramin und Dexfenfluramin. - 17. September 1997
Servier stoppt per Rote-Hand-Brief den Vertrieb von Isomeride und Ponderax in Deutschland. - 23. September 1997
Das BfArM ordnet auf Antrag des Unternehmens das Ruhen der Zulassung und den Rückruf aller Chargen an. Später wird die Zulassung widerrufen.
Die geplante Drei-Monats-Grenze kam nie zum Einsatz. Der Rückruf hat sie überholt. Servier betonte damals, ein ursächlicher Zusammenhang sei nicht gesichert, und sprach von einer Vorsichtsmaßnahme. Die Studien der folgenden Monate haben diese Vorsicht mehr als bestätigt.
Was die Studien zeigen
Für Isomeride ist eine Arbeit besonders wichtig. Ärzte aus Minneapolis untersuchten 1998 Patienten, die in Studien Dexfenfluramin allein oder in Kombination bekommen hatten, und verglichen sie mit 233 Personen ohne Appetitzügler. Das Ergebnis erschien im New England Journal of Medicine.
Insgesamt hatten 22,7 Prozent der Behandelten auffällige Klappen, in der Vergleichsgruppe 1,3 Prozent. Am schlimmsten waren die Kombinationen, aber auch Dexfenfluramin ohne Partner lag weit über dem Normalwert. Isomeride war also kein Opfer von Fen-Phen, sondern selbst ein Risiko.
| Studie | Was untersucht wurde | Ergebnis |
|---|---|---|
| Abenhaim u. a., NEJM 1996 | 95 Patienten mit Lungenhochdruck, 355 Kontrollen | Appetitzügler länger als drei Monate, Risiko rund 23-fach erhöht |
| Connolly u. a., NEJM 1997 | 24 Frauen nach Fen-Phen | Klappenschäden, 8 mit Lungenhochdruck, 5 mit Herz-OP |
| US-Gesundheitsministerium, MMWR 1997 | 284 Anwender in 5 Erhebungen | 32,8 Prozent mit relevanter Klappenundichtigkeit |
| Khan u. a., NEJM 1998 | 233 Behandelte gegen 233 Kontrollen | 22,7 gegen 1,3 Prozent |
| Rothman u. a., Circulation 2000 | Laborstudie | Alle Formen von Norfenfluramin aktivieren 5-HT2B |
Du hast Isomeride früher genommen? Die US-Gesundheitsbehörden empfahlen 1997 allen Betroffenen eine ärztliche Untersuchung des Herzens und bei Luftnot oder neuem Herzgeräusch einen Herzultraschall. Sag es deinem Hausarzt, auch wenn die Einnahme lange zurückliegt.
Isomeride kaufen: Warum das nicht geht
Isomeride gibt es nicht mehr. Seit 1997 läuft keine Produktion, die Zulassung ist widerrufen, kein Arzt kann es verordnen. Auch Redux ist in den USA Geschichte. Der verwandte Wirkstoff Fenfluramin steckt heute nur noch in Fintepla, einem Mittel gegen seltene schwere Epilepsien, das ausschließlich auf Sonderrezept und mit regelmäßigem Herzultraschall abgegeben wird.
Finger weg von „Isomeride“ aus dem Netz: Wer dir heute ein Mittel mit diesem Namen anbietet, verkauft eine Fälschung oder etwas ganz anderes. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit fand in den meisten untersuchten Schlankheitsmitteln aus dem Internet Wirkstoffe, die nicht auf dem Etikett standen, etwa Sibutramin. Die Verbraucherzentrale warnt, dass verstecktes Sibutramin oft höher dosiert ist als im früheren Medikament. Mehr unter Sibutramin und Fatburner im Check.
Aus der gleichen Wirkstofffamilie stammt auch Benfluorex, das in Frankreich als Mediator bis 2009 verkauft wurde und dort einen eigenen Skandal auslöste. Die Geschichte steht unter Mediator und Benfluorex.
Was heute statt Isomeride hilft
Isomeride wollte den Hunger dämpfen, ohne aufzuputschen. Dieses Ziel war gut. Erreicht wird es heute über einen ganz anderen Weg.
| Damals: Isomeride | Heute: GLP-1 | |
|---|---|---|
| Angriffspunkt | Serotonin, auch an Herzklappen | Sättigungshormon GLP-1 |
| Wirkung | Hunger gedämpft | Hunger gedämpft, Magen leert sich langsamer |
| Gewichtsverlust in Studien | moderat, Langzeitnutzen nie belegt | rund 15 bis 20 Prozent |
| Herzsicherheit | Klappenschäden belegt | vor der Zulassung geprüft |
| Status | seit 1997 weltweit vom Markt | zugelassen, rezeptpflichtig |
Sättigung über ein Hormon, nicht über Serotonin
Isomeride hat Serotonin freigesetzt und dabei den Klappen-Rezeptor getroffen. GLP-1-Medikamente wie Wegovy und Mounjaro ahmen ein körpereigenes Sättigungshormon nach, das nach dem Essen ausgeschüttet wird. Du bist früher satt, der Magen leert sich langsamer, Heißhunger wird leiser. In STEP 1 verloren Teilnehmer mit Semaglutid 2,4 mg im Schnitt rund 15 Prozent ihres Gewichts, in SURMOUNT-1 mit Tirzepatid rund 20 Prozent.
- Disziplin brauchst du trotzdem. Die Spritze vermittelt sie aber, weil die Gewohnheit entsteht, während der Hunger gedämpft ist.
- Nur auf Rezept. Ein Arzt prüft, ob es passt, in der Regel ab BMI 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung.
- Fälschungen gibt es auch hier. Woran du sie erkennst, steht unter Abnehmspritzen-Fälschungen.
Alles Weitere unter Abnehmspritzen und Abnehmtabletten, die beiden wichtigsten Mittel unter Wegovy und Mounjaro.
Die Lehre aus 1997: Isomeride hat den Hunger abgestellt, die Kalorien musste trotzdem jeder selbst einsparen. Abnehmen ist Mathematik, weniger rein als raus. Die Spritze von heute ist sicherer und stärker, die Rechnung bleibt dieselbe. Wie ich ohne Spritze 40 Kilo verloren habe, steht in meiner Abnehm-Anleitung, alle zugelassenen Mittel unter Medikamente zum Abnehmen.
Fazit: Taugt Isomeride heute was?
Nein. Isomeride war der Versuch, ein bekanntes Mittel durch Halbierung besser zu machen. Das Herzproblem steckte aber in beiden Hälften. Schon die Warnzeichen beim Lungenhochdruck hätten zur Vorsicht gereicht, die Klappenschäden haben das Kapitel beendet. Heute gibt es Medikamente, die den Hunger über ein körpereigenes Hormon dämpfen und vor der Zulassung auf Herzsicherheit geprüft wurden.
Weltweit seit 1997 vom Markt, Zulassung widerrufen, erhöhtes Risiko für Klappenschäden auch ohne Kombinationspartner. Die halbe Pille war kein halbes Risiko.
Ein ärztlich verschriebenes GLP-1-Medikament dämpft den Appetit über Sättigungshormone. Alle seriösen Anbieter im Anbieter-Vergleich.
Häufige Fragen zu Isomeride
Was war Isomeride?
Ein verschreibungspflichtiger Appetitzügler von Servier mit Dexfenfluramin, der rechtsdrehenden Form von Fenfluramin. Er dämpfte den Hunger über Serotonin.
Was ist der Unterschied zwischen Isomeride und Ponderax?
Ponderax enthielt beide Formen des Fenfluramins, Isomeride nur die rechtsdrehende. Beide wurden im September 1997 gemeinsam zurückgerufen.
Warum wurde Isomeride verboten?
Wegen Herzklappenschäden und Lungenhochdruck. Am 17. September 1997 stoppte Servier den Vertrieb, am 23. September ordnete das BfArM den Rückruf an.
Was ist Redux?
Der US-Name von Dexfenfluramin. Redux wurde 1996 von der FDA zugelassen und am 15. September 1997 zusammen mit Pondimin vom Markt genommen.
Kann man Isomeride heute noch kaufen?
Nein. Es wird nicht mehr hergestellt, die Zulassung ist widerrufen. Angebote im Netz sind Fälschungen mit unbekanntem Inhalt.
Was hilft heute statt Isomeride?
Ab BMI 30 oder ab 27 mit Begleiterkrankung kann ein Arzt GLP-1-Medikamente wie Wegovy oder Mounjaro verschreiben. Mehr unter Abnehmspritzen.
- Rückruf von Ponderax (Fenfluramin) und Isomeride (Dexfenfluramin) – Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Deutsches Ärzteblatt
aerzteblatt.de - Marktrücknahme von Fenfluramin und Dexfenfluramin – arznei-telegramm 10/1997
arznei-telegramm.com - Assoziation zwischen Herzklappenerkrankungen, pulmonaler Hypertonie und Fenfluramin-Phentermin-Kombinationstherapie – Der Arzneimittelbrief 1997
der-arzneimittelbrief.com - The prevalence of cardiac valvular insufficiency assessed by transthoracic echocardiography in obese patients treated with appetite-suppressant drugs – New England Journal of Medicine 1998
experts.umn.edu - Appetite-suppressant drugs and the risk of primary pulmonary hypertension – New England Journal of Medicine 1996
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov - Valvular Heart Disease Associated with Fenfluramine–Phentermine – New England Journal of Medicine 1997
nejm.org - Cardiac Valvulopathy Associated with Exposure to Fenfluramine or Dexfenfluramine – CDC, MMWR 1997
cdc.gov - Evidence for possible involvement of 5-HT2B receptors in the cardiac valvulopathy associated with fenfluramine – Circulation 2000
pubmed.ncbi.nlm.nih.gov - Fen-Phen und Herzklappenerkrankungen, Übersicht – Cleveland Clinic Journal of Medicine 1998
ccjm.org - FDA Announces Withdrawal Fenfluramine and Dexfenfluramine (Fen-Phen) – U.S. Food and Drug Administration 1997 (Archiv)
webarchive.library.unt.edu - American Home Products settles fen-phen lawsuits for $3.75 billion – The Pharma Letter 1999
thepharmaletter.com - Sicherer verordnen, Fenfluramin und Dexfenfluramin – Rheinisches Ärzteblatt 1997
aekno.de - Warnung vor illegalen Schlankheitsmitteln – Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit
lgl.bayern.de - Lebensbedrohliches Sibutramin – Verbraucherzentrale
verbraucherzentrale.de - Once-Weekly Semaglutide in Adults with Overweight or Obesity (STEP 1) – New England Journal of Medicine 2021
nejm.org - Tirzepatide Once Weekly for the Treatment of Obesity (SURMOUNT-1) – New England Journal of Medicine 2022
nejm.org